Bildung auf Augenhöhe – Schau mir in die Augen, Kleines.

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Was vor einiger Zeit vielleicht noch Ausdruck eines humanistisch geprägten Lehrverständnisses war, ist heute nur noch ein Erfordernis der Zeit: Bildung auf Augenhöhe. Die Arbeitswelt braucht kooperationsfähige, eigenständige Mitarbeitende, die sich in einem komplexen Umfeld bewegen können. Wie sieht (Volksschul)Bildung im Alltag aus, die hierhin führt? Eine Facette.

Bildung: Asymmetrisch, aber auf Augenhöhe

Vorneweg, um Missverständnisse zu vermeiden: Bildung, Entwicklung überhaupt, verlangt auch nach Strukturen, nach Halt. Auch eigenständig denkende Menschen brauchen einen Coach, brauchen Verbindlichkeiten. Für die Volksschule: Erwachsenwerden heisst auch, Strukturen und Grenzen zu erfahren – und an ihnen zu zweifeln. Lehrer_innen setzen diese, und sie setzen sie klar.
Die Frage ist, wie sie das tun. Sie tun es auf Augenhöhe. Sie setzen Bedingungen kraft ihrer Überzeugung, damit diese Zusammenarbeit zu stärken. Sie setzen sich durch, weil ihr Gegenüber ebenso überzeugt ist, dass dies für die eigene Entwicklung grundsätzlich sinnvoll ist. Weil ihr Gegenüber denkt, es sei grundsätzlich erstrebenswert, diese Haltung zu gewinnen. Weil beide im Härtefall verstehen, dass diese Beziehung zwar asymmetrisch, aber doch auf Augenhöhe, ist.
Schnell wird klar, dass hierfür keine detaillierten, gerahmten Schulhausregeln mit den Unterschriften der „Lernenden“ – oder: Untergebenen – notwendig sind. Gefragt sind reflektierte Persönlichkeiten, rollenklar und selbstkritisch.
Doch wie sieht Bildung auf Augenhöhe im Alltag aus? Welche Verhaltensweisen und Kompetenzen könnten Lehrer_innen zeigen?

Auf Augenhöhe und im Gleichgewicht

Wer auf Augenhöhe begegnet, tut zumindest dreierlei: Er/Sie ist zuallererst mal anwesend, ist auf gleicher Höhe und hat geöffnete Augen. Der Reihe nach:

Lehrer_innen sind zuallererst tatsächlich anwesend. Sie scheuen sich nicht, sich als Person ins Spiel zu bringen. Das Aushandeln von Regeln ist ein mühsamer Prozess, Streitereien energieraubend und hässlich. Und zwar für beide Seiten, auch für Lehrer_innen. Da werden sie auch mal emotional. Sie setzen sich ein, sich selber. Sie verzichten auf schriftliche Regelwerke mit ausgeklügelten Strafsystemen. Schüler_innen setzen sich mit Themen auseinander und halten Zeiten ein, weil sie es wollen. Im weniger günstigen Fall, weil es das starke, vertrauensvolle Gegenüber will. Doch niemals, weil man sonst zwei Striche auf einer Liste bekommt. Weil Beziehungen nicht mathematisch berechenbar und steuerbar sind.

Lehrer_innen sind auf gleicher Höhe. Sie verstehen sich tatsächlich als „gleichwertige“ Partner. Lehrer_innen erzählen zum Beispiel von sich. Warum sie persönlich das Thema begeistert, wovor sie sich selber fürchten. Sie schaffen damit, was Ed Schein ein „Statusgleichgewicht“ nennt. Sie suchen bewusst nach der Unterstützung ihrer Schüler_innen, weil die manches einfach besser können. Sie haben vitales Interesse, zu verstehen, was die Zukunft bringt – was die Schüler_innen bringen.
Sie verstehen Unterwerfung und Widerstand der Schüler_innen, aber auch eigene Anzeichen von Überheblichkeit oder übertriebener Fürsorglichkeit, als beunruhigendes Zeichen eines Ungleichgewichts in der Beziehung.
Lehrer_innen bitten um Hilfe. Sie schaffen eine helfende Beziehung.

Lehrer_innen halten die Augen geöffnet. Sie bleiben im Wesentlichen unwissend und begegnen dem Alltag fragend. Sie wissen nicht, was die Schüler_innen brauchen, weder heute noch morgen. Aber sie sind Expertinnen und Experten darin, die Schüler_innen danach zu fragen. Sie haben keine ausgeklügelten Pläne, die mit Sicherheit an irgendein Ziel führen. Sie sind aufmerksam, mit wachem Blick. Sie wissen, welche Schuhe die Schüler_innen tragen und welche Fragen sie interessieren.

Es ist ganz anders.

Und doch: Im Grunde sieht Bildung anders aus. Die klaren Strukturen sind ein Anfang. Mit ihrer Hilfe – das ist das eigentliche Ziel von Bildung – erkennt man, dass sie unnötig sind. Bildung der Zukunft muss auch formal anders aussehen. Oder um mit Wittgenstein zu sprechen: Die heutige Bildung ist die Leiter, die man, ist man über sie hinaufgesteigen, wegwerfen soll. Das macht die Leiter nicht überflüssig.
So braucht es keine Mutlosigkeit um heute Lehrer_in zu sein und sich im Gegebenen zu bewegen. Was heute bleibt ist zumindest die radikale Überzeugung, auf Augenhöhe zu begegnen. Denn nur in der Begegnung ist lernen möglich.

Daniel DussBildung auf Augenhöhe – Schau mir in die Augen, Kleines.

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