Erzählen Sie! 7 gute Gründe.

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Warum warf der Burgherr von Hochosterwitz seinen letzten Ochsen weg? Warum sollten Beratungspersonen Geschichten erzählen? Eine Geschichte, viele gute Gründe fürs Geschichten erzählen – und einige dagegen.

(Beitrag im BSO Journal 4/16)

Grund eins: Irritierende Probleme verlangen nach Geschichten.

Der Burgherr von Hochosterwitz stand 1334vor dem Hungertod: Er hatte nur noch einen Ochsen und einen Sack Gerste. Da liess er den Ochsen schlachten undwarf ihn mit Gerste gefüllt den Felsen hinunter. Die Situation irritiert. Wir verstehen nicht, was das soll. Wir verlangen nach einer Geschichte, die alles von Beginn an erklärt: «1334 wurde die Burg von Hochosterwitz über lange Zeit belagert, das Essen wurde knapp. Am Ende blieben nur noch ein Ochse und ein Sack Gerste. Hungertod oder Kapitulation schienen unausweichlich. Doch der Burgherr…»

Und so weiter, und so weiter. Klientinnen und Klienten haben im Coaching andere Fragen und Schwierigkeiten. Aber auch sie verstehen die Welt nicht, wie sie sich ihnen zeigt. Auch sie empfinden das Verhalten ihrer Mitwelt als sinnlos oder paradox: Warum verlangt mein Chef dieses und jenes von mir? Warum sagt mein Kollege nichts mehr? Warum provoziert mich diese Bewohnerin dermassen?
Solche Fragen verlangen in erster Linie nach Geschichten– nicht unbedingt nach Tabellen und Kräftefeldanalysen. Beratende sollten welche erzählen. Zum Burgherrn später nochmals – zuerst zum zweiten Grund.

Grund zwei: Geschichten sprechen Emotionen an und fordern heraus.

Klientinnen und Klienten fühlen sich von problematischen Situationen häufig weniger intellektuell als vielmehr emotional herausgefordert. Auch in persönlichen Entscheidungssituationen und Lernprozessen ist die entscheidende Rolle der Emotionen längst bekannt (Zimbardo und Gerrig 2003). Lösungsansätze müssen also emotional berühren, rein analytische 5-Punkte-Programme reichen in den wenigsten Fällen. Wer eine Geschichte hört, von Burgherren zum Beispiel, wird bei sich selber eine Reaktion feststellen, wie auch immer diese ausfällt. Geschichten lassen einen nicht unberührt. «Geschichten, nicht Fakten, machen und gehen uns an» (Spitzer 2007, S.453).

Grund drei: Geschichten schaffen Distanz.

Beratende erzählen eine Geschichte, die als Metapher für die Situation der Klientin, des Klienten verstanden werden kann. Über diese Geschichte lässt sich sehr viel einfacher reden als direkt über die Situation. Hier finden Klientinnen und Klienten Lösungen, die sie bei sich selber übersehen. Hier ist Probehandeln möglich. Das Problem wird externalisiert.

Eine Klientin erzählte, ihre neue Stelle sei grossartig. Sie fühle sich wie frisch verliebt. Mit dem Berater entspann sich eine kurze Diskussion, was man
Frischverliebten raten sollte: Diese Zeit zu geniessen. Nicht blind ins Verderben laufen. Die Metapher der Klientin ermöglichte Erzählungen kurzer Begebenheiten. Die Klientin dachte an Frischverliebte – und sprach dabei von sich am neuen Arbeitsort.
Der vollständige Bericht mit allen sieben Gründen – und einigen dagegen – erschien im Journal des Berufsverbandes BSO 4/2016.
Daniel DussErzählen Sie! 7 gute Gründe.

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