Integration im Kleinen – Was soziale Arbeit leisten kann

Integration im Kleinen – Was soziale Arbeit leisten kann

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Wie kann Integration gefördert werden? Mit multikulturellen Kochwettbewerben allein entsteht keine Integration.

Interkulturelle Ausstellungen sind ein spannender Anfang, doch wer ewig die Unterschiede betont, unterstützt keine gelungene Integration und missachtet ihre Phasen.
Wer immer mit professioneller Arbeit Integration fördern will, muss sich zuerst im Klaren sein, was „Kulturen“ überhaupt sind. Und dann ein Verständnis entwickeln, in welchen Schritten Integration verläuft. Dabei geht es um Fachwissen – und um die gemeinsame Reflexion im Team.

Was ist Kultur nicht?

„Kultur: Das sind zum Beispiel wir Schweizer“. Kultur wird in solchen Aussagen als territorial begrenzt und homogen verstanden. Beidem widerspricht die Realität hundert-fach:

Erstens: Kultur ist nicht territorial begrenzbar: Wie sähe es zum Beispiel mit den Tessinern aus? Sind sie der schweizerischen oder der italienischen Kultur zugehörig? Beides ist falsch, beides ist richtig. Zu argumentieren, sie seien eine „Unterkultur“ der Schweizer Kultur ist Quatsch. Das würde in letzter Konsequenz dazu führen, dass wir dieser Unterkultur eine Unterunterkultur des Onsernone – Tals zugestehen müssten. Und diese wiederum unterteilen in….. usw. usw. Womit wir am Ende beim einzelnen Dorfquartier landen, welches seine eigene Kultur hat. Das war ja aber gerade nicht die Idee eines Kulturbegriffs. Wo also bleibt die gesamtschweizerische Kultur?

Zweitens: Kultur ist nicht homogen. Sollen sich die tessiner Bankfrau, der tessiner Mafiosi und der tessiner Landwirt durch ein und diesselbe Kultur verbunden fühlen? Nein. Sie beziehen sich eben nicht nur auf die eine Kultur, sondern auch auf verschiedene Kulturen: jene der Männer, der Frauen, der Landwirte, der Selbstständigen, der Singles, der Mütter, der Verbrecher, etc. Die Kombinationen sind unzählig. Die individuellen Kulturen sehr heterogen.

Kurz: Kultur ist weder territorial begrenzt noch einheitlich innerhalb ihrer selbst.

Was ist Kultur dann?

Das führt zu einem Kulturverständnis, das den Einzelnen/ die Einzelne in den Fokus rückt. Er/ Sie bezieht sich auf mehrere „Kulturen“. Hier verstehen wir Kultur als eine Bezugsgrösse, die Kommunikation erleichtert und ermöglicht. Ein Beispiel:

„Ein Mann schenkt seiner Frau zum Hochzeitstag sieben rote Rosen. Sie ist gerührt.“

Das Paar bezieht sich hier auf ein gemeinsames Werte- und Symbolsystem, Werte wie etwa: Hochzeitstage feiert man (unabhängig vom Eheverlauf), Frauen mögen Blumen, rote Rosen stehen für die Liebe, man schenkt eine ungerade Zahl von Blumen, über Geschenke freut man sich, andere Männer vergessen Hochzeitstage.
All diese Faktoren verleihen dem Handeln den spezifischen Sinn, den es für die beiden hat.
Bezugsgrössen können also aus der Sicht der Beteiligten klare Aussagen machen (rote Rosen=Liebe), können aber auch auf Vermutungen beruhen (Frauen mögen Blumen), müssen logisch nicht nachvollziehbar sein (ungerade Anzahl Blumen schenken) und können auf klischeehaften Vorstellungen beruhen (Männer vergessen Hochzeitstage). All das ist unerheblich, relevant ist, dass diese Bezugsgrössen der Handlung einen Sinn geben, den beide verstehen. Damit ermöglichen die Bezugsgrössen Kommunikation und schaffen so Realität.
Bezugsgrössen sind zentral von Kontextfaktoren abhängig. Eine Kultur kann nie jemand alleine für sich leben. Sie machen nur im Umfeld und mit anderen Sinn – auch in Abgrenzung zu anderen. Die „Jugendkultur“ ist ein Beispiel dafür.

Die Entscheidungsfreiheit liegt, wenn diese Bezugsgrössen bewusst sind, beim Individuum. Der Mann kann auch bewusst auf ein Geschenk verzichten. Er verstösst damit allerdings gegen soziale Normen und hat mit Sanktionen zu rechnen. So gesehen sind Kulturen auch selbsterhaltende Systeme, die Regelverstösse ahnden. Solche Bezugsgrössen (Wertesysteme, Symbolsysteme, Handlungsanweisungen, etc.) nennt man soziokulturelle Codes. Interkulturelle Situationen zeichnen sich durch unterschiedliche Verwendung solcher Codes aus. Oder um im Beispiel zu bleiben: Würde die Frau die Rosen ihrer Stacheln wegen als Angriff verstehen, wäre sie nicht gerührt.
Solche Missverständnisse und Probleme kommen bekannt vor – und sie sind mit unterschiedlichen soziokulturellen Codes begründet. Zwischen Schweizern und Ausländern, zwischen Skatern und Fussballern, zwischen Frauen und Männern, zwischen Tessinern und Zürchern.

Kurz: Kultur entsteht durch die Handlungen der Einzelnen, die sich auf soziokulturelle Codes beziehen.

Wie verläuft Integration?

Integration meint nun, einen Umgang zwischen Menschen zu finden, die unterschiedliche Codes verwenden. Einen Umgang, der beispielsweise vergleichbare Chancen auf dem Arbeitsmarkt ermöglicht. Doch was heisst das konkret? Wie verläuft diese Integration? Und was heisst es schon, dass sie eine Leistung beider Seiten zu sein hat?

Die vorherrschende Kultur setzt bestimmte Regeln und Codes, die in ihrem Umfeld unverhandelbar sind: Das „du“ im Skaterpark. Das Gesetzbuch in der Schweiz. Diese Regeln müssen unangetastet bleiben, denn sie erst ermöglichen das Zusammenleben. Sie sind eine gesellschaftliche Leistung, die nicht vom Individuum tangiert werden können.

Doch es geht nicht um Assimilation. Im Gegensatz zur Integration meint Assimilation ein reines Anpassen der Fremden. Die fremde Kultur soll im besten Fall genau so werden wie die vorherrschende. Die eine Kultur soll sich also vollständig anpassen, die andere gar nicht verändern. Dass damit keine Entwicklung möglich wird, versteht sich. Im Grunde sind solche Systeme genau so nicht überlebensfähig wie wenn sie alle Regeln über Bord werfen würden. Offensichtlich meint Integration etwas anderes: Eine Veränderung/ Entwicklung wird von beiden Seiten erwartet.
Damit ist auch gesagt, dass die Leistung der einen Seite nicht im Anbieten von Sprachkursen und – im Grunde genommen: Assimilationsprogrammen bestehen kann.

Integration verläuft in mehreren Schritten, die etwa von M.J. Bennet treffend beschrieben sind. Interessant erscheinen vorallem die ersten drei, ethnozentristischen Schritte, die in dieser Reihenfolge auf dem Weg zur Integration durchlaufen werden, ein Überspringen ist nicht möglich:
1. Leugnen: Man negiert Andersartigkeit. „Alle sind so wie ich.“
2. Verteidigen: Man betont Andersartigkeit – und sieht sich selber als Ideal. „Andere sind anders. Und so wie ich bin, ist richtig.“
3. Herunterspielen: Man nimmt Andersartigkeit wahr, erachtet sie als irrelevant. „Wir sind doch alle so gleich.“

Konsequenz für die Praxis

Für die Praxis sozialer Arbeit ergibt sich daraus, dass zuerst festgestellt werden muss, in welcher Phase sich die Klientel befindet. Erst aufgrund dessen kann sinnvolle Integrationsarbeit geplant werden:
Wer Andersartigkeit leugnet, muss mit Unterschieden konfrontiert werden – zum Beispiel mit einem interkulturellen Kochwettbewerb.
Wer sich selber als das einzig Wahre sieht, muss das Verbindende erleben – zum Beispiel beim gemeinsamen Feuerstelle bauen.
Und wer alle so gleich sieht, muss die eigene Einzigartigkeit wieder entdecken – zum Beispiel in Bubengruppen.

Jede Massnahme ist nur so gut, wie sie passt. In der Verteidigungsphase zu lernen, wie anders die Buben sind, wirkt kontroproduktiv. Denn genau das weiss das Mädchen ja schon längst.
Interkulturelle Kochwettbewerbe? Ja, wenn die Klientel in der Leugnen-Phase sind.

Stellt sich noch die wesentliche Frage, wer die Gruppen bestimmt, die sich integrieren sollen: Jungen und Mädchen? Arme und Reiche? Oberdorf und Unterdorf? Schweizer und Ausländer? Schulstarke und Schulschwache? Skater und Fussballer?
Der Blick bestimmt das Problem.

Die integrierende Aufgabe sozialer Arbeit ist komplex, die Ansprüche überzogen. Und doch: Mit sorgfältig geplanter Arbeit kann sie einen wesentlichen Beitrag leisten – einen der wirkt und nicht müde vom Thema werden lässt. Reflexion ist dabei wesentlich – mehr dazu unter Beratung und Coaching.

Daniel DussIntegration im Kleinen – Was soziale Arbeit leisten kann
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