Wenn Coaches Geschichten erzählen…

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Geschichten können Wirklichkeiten bei Klientinnen und Klienten – und somit schließlich in ganzen Organisationen – verändern, sie können Problemsichten erweitern, eigene Ressourcen zur Potenzialentfaltung zugänglich machen, Beziehungen aufbauen, und sie können die Selbstwirksamkeitserwartung erhöhen.

Am Anfang steht die Verwirrung

Eine Familie rollt ihre Großmutter in einen Teppich ein. Kurz darauf ist die alte Dame für immer verschwunden.

Geschichten entwirren

Die Sache mit der Großmutter im Teppich ist ziemlich verwirrend und außergewöhnlich. Genauso zielen Fragestellungen von Klientinnen und Klienten im Coaching in der Regel auf das Außergewöhnliche, Verwirrende und Erklärungsbedürftige. Auf das scheinbar unerklärliche Verhalten des Chefs, auf die eigenen inneren Widersprüche, zum Beispiel. Diese Dinge zwingen uns geradezu, nach dem Sinn zu fragen und eine Erklärung zu verlangen.
Warum zeigt sich die Welt so? Warum rollt die Familie die Großmutter ein? Warum verschwindet sie für immer? Lebt sie noch? Und im Coaching: Warum verlangt mein Chef dieses und jenes von mir? Warum laufen die Dinge in unserer Firma so verrückt, wie sie laufen? Das Außergewöhnliche und Verwirrende erklären wir uns nicht mit statistischen Erhebungen – sondern mit Geschichten. Wir verlangen nach einer Geschichte, die alles von Beginn an erklärt. Nach einer Geschichte, die Klarheit schafft und die Realität wieder verstehbar macht. Nach einer Geschichte, die die Arbeitswelt der Klientinnen und Klienten wieder begreifbar werden lässt – und die erklärt, warum die Großmutter eingewickelt eingewickelt wird und schließlich verschwindet. Zur Großmutter später.
Zu den Klientinnen und Klienten jetzt.

Praxisbeispiel 1

Ein Team wurde von seinem geistig behinderten Klienten immer wieder enttäuscht. Er hielt sich nicht an Vereinbarungen und änderte seine Bedürfnisse von Tag zu Tag: Mal liebte er Schlagermusik und wollte unbedingt auf ein solches Konzert, kurz darauf ging nichts über Techno. Mal suchte er eine Freundin, dann wollte er homosexuell sein. Kaum begann das Team sich seinen Wünschen anzunehmen, änderte er sie diametral. Natürlich war dem Team bewusst, dass der Klient seine Bedürfnisse seiner Behinderung wegen so schnell und radikal änderte. Dennoch wollten sie seinen Bedürfnissen gerecht werden – und wurden immer wieder emotional enttäuscht. Im Coaching sollte es um den Umgang des Teams mit dieser schwierigen Situation gehen.
Während mir ein Teammitglied also die Situation lebhaft schilderte, fiel mir die Geschichte ein, wie unser damals zweijähriger Sohn mir einige Tage zuvor in die offenen Arme hatte springen wollen. Er war mir entgegengerannt, ich hatte meine Arme weit geöffnet – Vaterglück. Doch ganz plötzlich hielt er inne und schaute einem vorbeilaufenden Käfer nach. Er folgte dem Käfer – und ich blieb wie ein begossener Pudel stehen. Diese Geschichte nistete sich in jenem Moment in meinem Kopf ein und ich erzählte dem Team nach der Fallschilderung davon. Ich machte ziemlich umständlich und weitläufig klar, die Geschichte habe hier wohl nichts verloren, aber ich müsse sie nun einfach schnell erzählen, sonst werde ich sie nicht mehr los. Danach könnte ich mich ganz auf ihre Geschichte konzentrieren. Ob es für sie in Ordnung gehe, wenn ich das kurz erzählte …
Tatsächlich stimmte es, dass ich die Geschichte so aus meinem Kopf zu bringen hoffte. Es ging mir auch um persönliche kommunikative Entlastung. Es war mir aber auch sehr klar: Die Geschichte hatte etwas mit der geschilderten Situation des Teams zu tun. Mit persönlicher Enttäuschung zum Beispiel. Also erzählte ich meine Geschichte mit dem Zweijährigen, der mir plötzlich nicht mehr entgegensprang. Ohne zu wissen, wohin das im Coaching führte. Ich wusste nur: Hätte die Geschichte keine Resonanz gefunden, hätte ich sie anschließend wie angekündigt zur Seite gelegt, als kleines unterhaltsames Intermezzo abgetan und wir hätten uns wieder dem Fall des Teams gewidmet. Doch meine Wahrnehmung täuschte mich nicht: Die Geschichte stieß auf Resonanz und bereicherte im Folgenden den Beratungsprozess: Die persönliche Enttäuschung hier wie dort war schnell auf dem Tisch. Doch dann stellte das Team fest, dass ihr Klient effektiv den Entwicklungsstand und die Selbstregulationsfähigkeit eines etwa Zweijährigen hatte. Man erzählte von seinem Liebesbedürfnis, wie er am liebsten auf den Schoss genommen würde und wie er alles sofort erfüllt haben wollte. Man konnte seine Bedürfnisse so ernst nehmen, wie man die Bedürfnisse eines Zweijährigen ernst nehmen kann und soll. Man fragte sich, ob man Bedürfnisse auch ernst nehmen kann, wenn man sie nicht erfüllen will. Ob sie nicht wahr sind, nur weil sie in fünf Minuten ganz
anders sind. Das Problemverständnis erweiterte sich zunehmend, die Teammitglieder erkannten ihre bereits bekannten und erfolgreichen Strategien aus anderen Situationen wieder: Wie gingen die anwesenden Eltern zu Hause mit diesen Enttäuschungen und den sich wechselnden Bedürfnissen um? Wie konnte das Team dies beim Klienten tun? Es setzte eine vielfältige Diskussion ein, die wieder in der Geschichte des Klienten mündete – und wie das Team damit umgehen könnte.

Der vollständige Bericht erschien in „Gesprächspsychotherapie und Personzentrierte Beratung“ (1/16) und können Sie hier als PDF downloaden.

Daniel DussWenn Coaches Geschichten erzählen…

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